Elder Robert S. Wood
von den Siebzigern
Ich habe eine gute Bekannte, die einer politischen Gesprchsrunde angehrt, die jede Woche im US-Fernsehen gezeigt wird. Ihre Rolle dort hat sie folgenderma?en beschrieben: „Wir werden aufgefordert zu sprechen, ohne vorher darber nachzudenken.“ Wir leben anscheinend in einem Zeitalter, in dem viele sprechen ohne nachzudenken und damit eher emotionale Reaktionen als berdachte Antworten hervorrufen. Sei es auf nationaler oder auf internationaler Bhne, in privaten Beziehungen oder in der Politik, zu Hause oder in der ffentlichkeit – der Ton wird schrfer, und es scheint eher gewollt als unbeabsichtigt zu sein, Krnkungen zuzufgen oder aber gekrnkt zu reagieren.
Der Herr hat uns von Beginn an im Lauf der Geschichte wiederholt gewarnt, dass der Satan den Menschen das Herz zum Zorn aufstacheln werde1. Im Buch Mormon murrte Laman so gezielt, dass er damit zum Zorn aufstachelte, Wut schrte und zum Mord anstiftete.2 Mehr als einmal erfahren wir im Buch Mormon von irregeleiteten und schlechten Mnnern, die zum Zorn aufstachelten und Kriege herbeifhrten. Zur Zeit des Hauptmanns Moroni entfachte der abtrnnige Amalikkja den Lamaniten das Herz gegen das Volk Nephi.3 Amulon und die schlechten Priester Noas, Nehor, Korihor und Zoram (die Liste ehrloser Mnner zieht sich durch das gesamte Buch Mormon) – sie alle waren Agitatoren, die Misstrauen sten, Kontroversen anheizten und Hass schrten.
Als der Herr zu Henoch sprach, machte er deutlich, dass die Zeit seiner Geburt wie auch die Zeit, die seinem Zweiten Kommen vorangehen wrde, Tage „der Schlechtigkeit und Vergeltung“4 sein wrden. Au?erdem hat der Herr gesagt, dass in den Letzten Tagen unvermischt Grimm ber die Erde ausgegossen werden wird.5 Grimm wird zum einen definiert als der rechtschaffene Unwille Gottes und zum anderen als leidenschaftlicher Zorn oder unbndige, berschumende Wut, was u?erst menschlich ist. Ersteres entspringt der Sorge eines liebevollen Vaters, dessen Kinder oft lieblos sind und ihr eigenes Blut hassen6, wohingegen die letztere Art des Grimms einem Volk zu verdanken ist, das „ohne Ordnung und ohne Barmherzigkeit“ ist und „in [seiner] Verderbtheit stark geworden“7 ist. Ich frchte, die Erde erlebt beide Arten des Grimms, und ich denke, der Grimm Gottes wird vor allem von denen hervorgerufen, die das Herz der Menschen zu Schlechtigkeit, Verunglimpfungen, Hass und daraus resultierender Gewalt aufstacheln.
Die ersten Opfer menschlichen Grimms sind Wahrheit und Verstndnis. Jakobus hat uns geraten, „schnell bereit [zu] sein zu hren, aber zurckhaltend im Reden und nicht schnell zum Zorn bereit; denn im Zorn tut der Mensch nicht das, was vor Gott recht ist.“8 Wie Henoch feststellte, ist Gottes Thron verankert in Friede, Gerechtigkeit und Wahrheit.9 Seien es nun falsche Freunde oder unredliche Lehrer, Knstler oder Entertainer, Kommentatoren oder Verfasser von Leserbriefen an Lokalzeitungen oder Menschen, die nach Macht oder Reichtum trachten – hten wir uns vor all denen, die uns so sehr zum Zorn reizen wollen, dass besonnenes Denken und Milde auf der Strecke bleiben.
Alma forderte an den Wassern Mormon diejenigen, die mit Gott einen Bund schlie?en wollten, auf, als Zeugen Gottes aufzutreten und einer des anderen Last zu tragen.10 Wir, die wir frwahr einen heiligen Bund geschlossen haben, mssen dem Weg, der Wahrheit und dem Leben treu bleiben, nmlich Jesus Christus.
Verfallen auch wir, die wir den Namen Christi auf uns genommen haben, unbewusst in Verhaltensweisen wie Verleumdung, ble Nachrede oder verbittertes Klischeedenken? Haben uns persnliche, politische, berufliche oder religise Meinungsverschiedenheiten dazu verleitet, Andersdenkende in gewisser Weise zu dmonisieren? Halten wir inne, um Verstndnis fr die scheinbar abweichenden Standpunkte anderer aufzubringen, und suchen wir nach so vielen Gemeinsamkeiten wie mglich?
Ich wei? noch, wie ich als Student eine kritische Abhandlung ber einen bedeutsamen politischen Philosophen geschrieben habe. Es war deutlich, dass ich mit ihm nicht bereinstimmte. Meine Dozentin sagte mir, meine Arbeit sei gut, aber nicht gut genug. Ehe Sie Ihre Kritik deutlich machen, sagte sie, mssen Sie zunchst das beste Argument fr den Standpunkt, dem Sie widersprechen, vortragen, eines, das der Philosoph selbst akzeptieren knnte. Ich schrieb die Abhandlung neu. Ich war immer noch ganz anderer Meinung als der Philosoph, aber ich verstand ihn besser und konnte sowohl die Strken und Vorteile als auch die Beschrnkungen seiner Auffassung erkennen. Ich hatte eine Lektion gelernt, die ich seither in allen Lebensbereichen angewandt habe.
General Andrew Jackson sagte, als er bei der Schlacht von New Orleans die Front abschritt, zu seinen Mnnern: „Meine Herren, halten Sie Ihre Gewehre etwas niedriger im Anschlag!“ Ich glaube, viele von uns mssen ihre „Gewehre“ etwas niedriger im Anschlag halten. Andererseits mssen wir das Niveau unserer Gesprche und ffentlichen u?erungen anheben. Wir mssen es vermeiden, den Standpunkt anderer verzerrt wiederzugeben oder ihnen, wie man sagt, „etwas in den Mund zu legen“ oder ungerechtfertigt abfllig ber ihre Motive und ihren Charakter zu sprechen. Wir mssen, wie der Herr uns rt, ehrliche, weise und gute Mnner und Frauen untersttzen, wo auch immer sie sich befinden, und erkennen, dass es „unter allen Glaubensgemeinschaften, Parteien und Konfessionen“ Menschen gibt, denen die Wahrheit des Evangeliums nur deshalb vorenthalten ist, weil sie nicht wissen, wo sie zu finden ist.11 Wollen wir dieses Licht verbergen, weil wir uns in eine Gesellschaft einfgen, in der es gang und gbe ist, zu verleumden, in Klischees zu denken, andere zu krnken und gekrnkt zu reagieren?
Manchmal neigen wir im Umgang mit Menschen, die gegenstzliche Ansichten haben, viel zu schnell zu Spott und Zynismus. Wir demoralisieren sie oder wrdigen sie herab, um sie oder ihre Ansichten blo?zustellen. Dies ist eine der Lieblingsmethoden derer, die in dem gro?en und gerumigen Gebude zu Hause sind, das Vater Lehi in einer Vision gesehen hat12. Judas, der Bruder Christi, warnte: „Am Ende der Zeit wird es Sptter geben, die sich von ihren gottlosen Begierden leiten lassen. Sie werden die Einheit zerstren, denn es sind irdisch gesinnte Menschen, die den Geist nicht besitzen.“13
Eng verwandt mit dem Spott ist eine zynische Einstellung. Zyniker sind geneigt, Fehler zu suchen und andere dabei zu ertappen. Mehr oder minder deutlich zeigen sie hhnischen Zweifel an Aufrichtigkeit und Redlichkeit. Jesaja sprach von denen, „die Bses tun wollen“ und „andere als Verbrecher verleumden, die dem Richter, der am Tor sitzt, Fallen stellen und den Unschuldigen um sein Recht bringen mit haltlosen Grnden“14. Diesbezglich hat uns der Herr in den Letzten Tagen geraten: „Hrt auf, Fehler aneinander zu finden Und vor allem: Bekleidet euch mit dem Band der Nchstenliebe wie mit einem Mantel, denn es ist dies das Band der Vollkommenheit und des Friedens.“15
Prsident George Albert Smith hat festgestellt: „Auf der Welt gibt es nichts Schdlicheres oder Abtrglicheres fr die Menschheit als Hass, Vorurteil, Argwohn und die lieblose Einstellung, die einige Menschen gegenber ihren Mitmenschen haben.“16 In politischer Hinsicht warnte er: „Immer wenn Ihre politische Meinung Sie dazu bringt, schlecht ber Ihre Brder zu sprechen, muss Ihnen klar sein, dass Sie sich auf gefhrlichem Boden bewegen.“17 In Bezug auf die gro?artige Mission des Gottesreiches in den Letzten Tagen sagte er: „Diese Kirche, der wir angehren, ist nicht militant. Dies ist eine Kirche, die der Welt Frieden anbietet. Es ist nicht unsere Aufgabe, in die Welt hinauszugehen und Fehler an anderen zu finden, auch nicht, Menschen zu kritisieren, weil sie nicht verstehen. Es ist jedoch unser Vorzug, in Gte und Liebe zu ihnen zu gehen und sie an der Wahrheit teilhaben zu lassen, die der Herr in diesen Letzten Tagen offenbart hat.“18
Der Herr hat uns zu einem Volk gemacht, das einen besonderen Auftrag hat. Wie er bereits Henoch in alter Zeit gesagt hat, sollte die Zeit, in der wir leben, eine Zeit der Finsternis sein, aber auch eine Zeit, in der Rechtschaffenheit aus dem Himmel herabkommen und Wahrheit aus der Erde hervorkommen sollte, um noch einmal Zeugnis von Christus und seinem Shnopfer zu geben. Diese Botschaft sollte die Erde berfluten, und die Auserwhlten des Herrn sollten von den vier Enden der Erde gesammelt werden.19 Wo auch immer in der Welt wir leben, wir sind als Volk zu Werkzeugen fr den Frieden des Herrn geformt worden. Wie Petrus gesagt hat, sind wir Gottes besonderes Eigentum geworden, damit wir die gro?en Taten dessen verknden, „der [uns] aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst [waren wir] nicht sein Volk, aber jetzt [sind wir] Gottes Volk.“20 Wir knnen es uns nicht leisten, uns einer Welt anzupassen, in der es alltglich ist, andere zu krnken und selbst gekrnkt zu reagieren. Vielmehr drfen wir, wie der Herr sowohl Paulus als auch Mormon offenbart hat, weder neiden noch uns voll Stolz aufblhen. Wir lassen uns nicht leicht zum Zorn reizen und handeln auch nicht ungehrig. Wir freuen uns nicht am beltun, sondern an der Wahrheit. Mit Sicherheit ist dies die reine Christusliebe, die wir verkrpern.21
In einer Welt, die von Grimm erfllt ist, hat uns der Prophet unserer Zeit, Prsident Gordon B. Hinckley, ermahnt: „Nun gibt es vieles, was wir in diesen gefhrlichen Zeiten tun knnen und mssen. Wir knnen unsere Meinung ber die Lage kundtun, wie wir sie sehen, aber wir drfen uns gegenber unseren Brdern und Schwestern in den verschiedenen Lndern, die auf der einen oder der anderen Seite stehen, niemals auf bse Worte oder Taten einlassen. Politische Meinungsverschiedenheiten rechtfertigen keinen Hass und keine Bswilligkeit. Ich hoffe, dass das Volk des Herrn in schwierigen Zeiten miteinander in Frieden lebt, unabhngig davon, welcher Regierung oder Partei unsere Treue gilt.“22
Verfallen wir als wahre Zeugen Christi in diesen Letzten Tagen nicht in Finsternis, sodass wir, wie Petrus es gesagt hat, „kurzsichtig“ werden, sondern bringen wir in Denken, Wort und Tat Frchte unseres Zeugnisses von Christus und seines wiederhergestellten Evangeliums hervor.23 Gott lebt. Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Joseph Smith, der gro?e Prophet der Wiederherstellung, war das Werkzeug, durch das wir zu einem Volk gemacht wurden, das auch heute durch einen Propheten Gottes – Prsident Gordon B. Hinckley – gefhrt wird. Erneuern wir jeden Tag die reine Christusliebe in unserem Herzen und berwinden wir mit unserem Herrn die Finsternis der Welt.
Im Namen Jesu Christi. Amen.