Prsident Gordon B. Hinckley
Es ist sehr schwer, nach Bruder Monson zu sprechen, denn trotz einer Menge Humor ist er sehr aufrichtig. Vielen Dank, meine Brder, fr Ihren Glauben und Ihre Gebete. Ich bin dafr sehr dankbar. Wenn ein Mann lter wird, wird er etwas milder und freundlicher. Darber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht.
Ich habe mich gefragt, warum es so viel Hass auf der Welt gibt. Wir sind in schreckliche Kriege verwickelt, in deren Folge Menschen sterben oder verwundet werden. In unserer Umgebung sehen wir immer mehr Neid, Stolz, Arroganz und bei?ende Kritik, Vter, die wegen Belanglosigkeiten zornig werden und ihre Frau zum Weinen bringen und ihren Kindern Angst machen.
Der Rassismus zeigt lngst wieder sein hssliches Gesicht. Mir wurde mitgeteilt, dass Rassismus sogar unter uns zu finden ist. Ich kann nicht begreifen, wie das mglich ist. Es schien mir so, als htten wir uns alle ber die Offenbarung gefreut, die Prsident Kimball 1978 erhielt. Ich war damals dort im Tempel. Fr mich und meine Gefhrten bestand kein Zweifel daran, dass diese Offenbarung der Sinn und der Wille des Herrn war.
Nun wird mir berichtet, dass rassistische Beleidigungen und Verunglimpfungen manchmal in unserer Mitte zu hren sind. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass jemand, der sich abfllig ber Menschen anderer Hautfarbe u?ert, sich nicht als wahren Jnger Christi bezeichnen kann. Noch kann er von sich behaupten, im Einklang mit den Lehren der Kirche Christi zu sein. Wie kann ein Mann, der das Melchisedekische Priestertum trgt, so anma?end sein und meinen, er sei des Priestertums wrdig, whrend ein anderer, der rechtschaffen lebt, dessen Hautfarbe jedoch anders ist, unwrdig sei?
Solange ich der Ersten Prsidentschaft angehre, habe ich immer wieder auf die Vielfalt in unserer Gesellschaft hingewiesen und darber gesprochen. Wir sind von dieser Vielfalt umgeben und mssen uns bemhen, ihr Raum zu geben.
Machen wir uns bewusst, dass jeder von uns ein Sohn oder eine Tochter unseres himmlischen Vaters ist, der alle seine Kinder liebt.
Brder, es gibt absolut keine Grundlage fr Rassismus im Priestertum dieser Kirche. Falls mir jemand zuhrt, der zu rassistischem Verhalten neigt, dann soll er vor den Herrn treten, um Vergebung bitten und davon lassen.
Von Zeit zu Zeit erhalte ich Briefe, in denen mir vorgeschlagen wird, worber auf der Konferenz gesprochen werden sollte. Krzlich erhielt ich so einen Brief. Eine Frau schrieb mir, dass ihre erste Ehe in einer Scheidung geendet habe. Dann lernte sie einen Mann kennen, der sehr nett und rcksichtsvoll zu sein schien. Doch kurz nach der Heirat fand sie heraus, dass seine finanzielle Situation chaotisch war. Er besa? wenig Geld, gab aber dennoch seine Arbeit auf und wollte auch nicht wieder arbeiten. So war sie dann gezwungen, arbeiten zu gehen, um die Familie zu versorgen.
Seither sind Jahre vergangen, und er ist immer noch arbeitslos. Sie berichtet auch von zwei anderen Mnnern, die sich ebenso verhalten. Sie weigern sich zu arbeiten, und ihre Frau ist gezwungen, viele Stunden zu arbeiten, um die Familie zu ernhren.
Paulus sagte zu Timotheus: Wer aber fr seine Verwandten, besonders fr die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Unglubiger. (1 Timotheus 5:8.) Das sind unmissverstndliche Worte.
Der Herr hat in einer neuzeitlichen Offenbarung gesagt: Frauen haben an ihren Mann Anspruch auf ihren Unterhalt, bis ihr Mann weggenommen wird.
Alle Kinder haben an ihre Eltern Anspruch auf ihren Unterhalt, bis sie mndig sind. (LuB 83:2,4.)
Von Anfang an hat die Kirche den Ehemann als Versorger der Familie angesehen. Ich glaube, dass kein Mann als ein Mitglied in gutem Stand betrachtet werden kann, der sich weigert zu arbeiten, um seine Familie zu ernhren, obwohl er krperlich dazu fhig wre.
Anfangs habe ich nun gesagt, dass ich nicht wsste, warum es so viele Konflikte, so viel Hass und Bitterkeit in der Welt gibt. Natrlich wei? ich, dass all dies das Werk des Widersachers ist. Er bearbeitet jeden Einzelnen von uns. Er zerstrt starke Mnner. Das hat er schon immer getan, schon seit der Grndung der Kirche. Prsident Wilford Woodruff hat gesagt:
Ich habe Oliver Cowdery erlebt, als es schien, als bebte die Erde unter seinen F?en. Ich habe nie ein mchtigeres Zeugnis von einem Mann gehrt als von ihm, wenn er unter dem Einfluss des Geistes stand. Aber in dem Moment, als er das Reich Gottes verlie?, verlor er diese Macht. Er war seiner Kraft beraubt wie Simson auf den Knien von Delila. Er verlor die Macht und das Zeugnis, das er besessen hatte, und er gewann es nie wieder in seiner Flle zurck, solange er auf Erden weilte, obwohl er als Mitglied der Kirche starb. (Lehren der Prsidenten der Kirche: Wilford Woodruff, Seite 113.)
Ich habe die Erlaubnis, Ihnen von einem jungen Mann zu erzhlen, der in unserem Land aufwuchs. Er gehrte nicht der Kirche an. Er und seine Eltern waren in einer anderen Kirche aktiv.
Er konnte sich erinnern, dass er in seiner Jugend von Jugendlichen unserer Kirche geringschtzig behandelt worden war. Sie hatten ihm das Gefhl gegeben, ein Au?enseiter zu sein, und sich ber ihn lustig gemacht.
Er entwickelte einen regelrechten Hass auf die Kirche und ihre Mitglieder. Er konnte nichts Gutes an ihnen finden.
Dann verlor sein Vater seine Arbeit, und sie mussten umziehen. Er war 17 und konnte an dem neuen Wohnort aufs College. Dort sprte er zum ersten Mal in seinem Leben Herzlichkeit unter Freunden. Einer von ihnen, Richard, war Vorsitzender eines Vereins und fragte ihn, ob er nicht eintreten wolle. Er schreibt: Zum ersten Mal in meinem Leben war jemand an mir interessiert. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, aber ich trat dankbar ein. Wie schn das Gefhl war, einen Freund zu haben! Dafr hatte ich mein ganzes Leben lang gebetet. 17 Jahre lang hatte ich gewartet. Nun hatte Gott mein Gebet erhrt.
Mit 19 hatte er einen Ferienjob und war dabei mit Richard in einem Zelt untergebracht. Ihm fiel auf, dass Richard jeden Abend in einem Buch las. Er fragte, was er lese. Richard antwortete, er lese das Buch Mormon. Er erzhlt: Ich wechselte schnell das Thema und ging zu Bett. Schlie?lich war es das Buch, das meine Kindheit zerstrt hatte. Ich versuchte es zu vergessen, aber eine Woche verging, und ich konnte nicht schlafen. Warum las er es jeden Abend? Ich konnte die unbeantworteten Fragen nicht lnger ertragen. Also fragte ich ihn an einem Abend, was an dem Buch so wichtig sei. Wovon handelte es? Er gab mir das Buch. Ich erklrte ihm kurz, dass ich dieses Buch auf keinen Fall berhren wollte. Ich wollte nur wissen, wovon es handelte. Da las er mir aus dem Buch die Stelle vor, wo er gerade mit Lesen aufgehrt hatte. Er las etwas von Jesus und seinem Erscheinen auf dem amerikanischen Kontinent. Ich war verblfft. Mir war nicht bewusst, dass die Mormonen an Jesus glaubten.
Richard fragte ihn, ob er nicht in einem Chor fr die Pfahlkonferenz mitsingen wolle. Der Tag kam, und die Konferenz begann. Elder Gary J. Coleman vom Ersten Kollegium der Siebziger war der Gastsprecher. Whrend der Konferenz fand ich heraus, dass er auch [ein Bekehrter war]. Am Ende hrte Richard nicht auf, mich am Arm zu ziehen. Er wollte, dass ich mit ihm sprach. Schlie?lich gab ich nach. Noch whrend ich auf ihn zuging, drehte er sich zu mir um und lchelte. Ich stellte mich vor und sagte ihm, dass ich kein Mitglied sei und nur gekommen sei, um im Chor zu singen. Er lchelte und sagte, er freue sich sehr, dass ich da sei. Dann meinte er noch, die Musik habe ihm sehr gefallen. Ich fragte ihn, woher er denn wisse, dass die Kirche wahr sei. Er gab mir eine Kurzfassung seines Zeugnisses und fragte, ob ich schon das Buch Mormon gelesen htte. Ich verneinte. Er versprach mir, dass ich den Geist verspren wrde, sobald ich das Mormon las.
Kurze Zeit spter waren der junge Mann und sein Freund miteinander unterwegs. Richard gab ihm ein Buch Mormon und bat ihn, daraus vorzulesen. Das tat er, und pltzlich berhrte ihn der Heilige Geist.
Die Zeit verging, und sein Glaube wuchs. Schlie?lich wollte er sich taufen lassen. Seine Eltern waren dagegen, aber er lie? sich dennoch taufen und wurde ein Mitglied der Kirche.
Sein Zeugnis wuchs weiter. Erst vor ein paar Wochen hat er im Tempel in Salt Lake City eine wunderbare junge Frau geheiratet, fr Zeit und alle Ewigkeit. Elder Gary J. Coleman vollzog die Siegelung.
So endet die Geschichte. Sie enthlt ein paar gro?artige Aussagen. Zunchst einmal ist da das bedauerliche Verhalten der gleichaltrigen Mitglieder der Kirche.
Daneben steht das Verhalten von Richard, der sich als Freund erwies. Mit Richard erlebte er genau das Gegenteil von dem, was er zuvor erlebt hatte. Das fhrte zu seiner Bekehrung und Taufe, obwohl doch so vieles dagegen gesprochen hatte.
Ein solches Wunder kann und wird geschehen, wenn Freundlichkeit, Achtung und Liebe zugegen sind. Warum muss berhaupt jemand gemein oder unfreundlich sein? Warum knnen wir nicht freundlich aufeinander zugehen? Warum gibt es so viel Bitterkeit und Feindseligkeit? Das gehrt nicht zum Evangelium Jesu Christi.
Wir alle straucheln gelegentlich. Wir alle machen Fehler. Ich mchte die Worte Jesu im Vaterunser etwas abwandeln: Und vergib uns unsere Verfehlungen, wie wir denen vergeben, die gegen uns gefehlt haben. (Vgl. Matthus 6:12 oder JS Matthus 6:13.)
William W. Phelps, der dem Propheten sehr nahe stand, verriet ihn 1838, was zu Joseph Smiths Einkerkerung in Missouri fhrte. Nachdem ihm bewusst geworden war, dass er Schreckliches angerichtet hatte, schrieb er an den Propheten und bat ihn um Vergebung. Der Prophet antwortete wie folgt:
Es ist richtig, wir haben infolge deines Verhaltens viel zu leiden gehabt der bittere Kelch, schon voll genug fr den Sterblichen, der ihn trinken muss, wurde wirklich zum berflie?en gebracht, als du dich gegen uns wandtest.
Immerhin, der Kelch ist geleert, der Wille unseres Vaters ist geschehen, und wir sind immer noch am Leben, wofr wir dem Herrn danken.
Ich glaube, dass dein Bekenntnis echt und deine Umkehr aufrichtig ist, und so wird es mich freuen, dir wiederum die rechte Hand der Gemeinschaft zu reichen, und ich werde ber die Rckkehr des verlorenen Sohnes glcklich sein.
Dein Brief wurde letzten Sonntag den Heiligen vorgelesen, und es wurde ihre Meinung festgestellt; folgender einstimmiger Beschluss wurde gefasst: W. W. Phelps soll wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden.
Komm, lieber Bruder, her zu mir, der Krieg ist nun zu Ende; wir reichen uns, der Freund dem Freund, wie ehedem die Hnde. (Lehren des Propheten Joseph Smith, Seite 168f.)
Brder, genau diese Einstellung, die der Prophet hier zum Ausdruck bringt, mssen auch wir entwickeln. Wir drfen nicht selbstgefllig werden. Wir sind Mitglieder der Kirche unseres Herrn. Wir sind ihm verpflichtet, ebenso uns selbst und anderen. Diese alte sndige Welt braucht dringend Mnner, die stark sind, die tugendhaft sind, die voll Glauben und Rechtschaffenheit sind, Mnner, die bereit sind, zu vergeben und zu vergessen.
Abschlie?end freue ich mich, sagen zu knnen, dass die Beispiele und Geschichten, die ich angefhrt habe, nicht das Verhalten und die Einstellung der gro?en Mehrheit unserer Mitglieder widerspiegeln. Ich beobachte berall um mich herum eine wunderbare Liebe und gro?es Interesse am anderen.
Vor einer Woche war dieser Saal voll von wunderschnen Jungen Damen, die sich bemhen, nach dem Evangelium zu leben. Sie sind im Umgang miteinander selbstlos. Sie bemhen sich, einander zu strken. Sie machen ihren Eltern und dem Zuhause, aus dem sie stammen, alle Ehre. Sie sind dabei, erwachsen zu werden, und werden auch ihr weiteres Leben nach den Idealen ausrichten, die sie jetzt anspornen.
Denken Sie an all das Gute, was die Frauen der FHV vollbringen. Die Auswirkungen ihres gtigen Tuns sind auf der ganzen Welt zu spren. Frauen beugen sich herab und geben von ihrer Zeit, ihrer liebevollen Anteilnahme und ihren Mitteln, um den Kranken und Armen beizustehen.
Denken Sie an das Wohlfahrtsprogramm mit all seinen freiwilligen Helfern, die Essen, Kleidung und andere Artikel an Bedrftige ausgeben.
Denken Sie an unsere weitreichenden humanitren Bemhungen, die nicht auf Mitglieder der Kirche beschrnkt sind, sondern den rmsten Lndern der Welt zugute kommen. Die Masern sind durch die Mitwirkung der Kirche in vielen Gebieten so gut wie ausgerottet worden.
Betrachten Sie auch die Auswirkungen des Stndigen Ausbildungsfonds. Tausende werden aus dem Joch der Armut befreit und gelangen ins Sonnenlicht des Wissens und des Wohlstandes.
Ich knnte Ihnen viele weitere Beispiele aufzhlen, welch gro?e Anstrengungen die guten Menschen in dieser Kirche unternehmen, um einander zu untersttzen, und wie berall auf der Welt den Armen und Notleidenden geholfen wird.
Unseren guten Werken und unserem Einfluss sind keine Grenzen gesetzt. Halten wir uns nicht mit Kritik oder Negativem auf. Beten wir um Strke, beten wir um die Fhigkeit und den Wunsch, anderen zu helfen. Mgen wir das Licht des Evangeliums jederzeit und berall ausstrahlen, damit der Geist des Erlsers von uns ausstrahle.
Um die Worte des Herrn an Josua zu verwenden, Brder: Sei mutig und stark[.] Frchte dich also nicht und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst. (Josua 1:9.)
Im Namen des Herrn, Jesus Christus. Amen.