Anne C. Pingree
Zweite Ratgeberin in der FHV-Prsidentschaft
Vor ein paar Monaten fuhr ich mit zwei couragierten lteren Missionarinnen im Auto. Sie waren fest entschlossen, die Wohnung eines Mitglieds ihrer Gemeinde im Osten der Vereinigten Staaten zu finden. Sie lag mitten in der Stadt. Whrend ich hinten im Auto sa? und den Atem anhielt, plrrte das Navigationssystem in regelm?igen Abstnden: „Bitte wenden! Bitte wenden!“ Unbeeindruckt empfahl die Missionarin, die den Stadtplan las, eine Abzweigung nach der anderen durch den Stra?endschungel hindurch, bis wir schlie?lich die Wohnung der Schwester fanden, der sie versprochen hatten, dass sie ihr Lesen und Schreiben beibringen.
Durch ihr Handeln und ihre Einstellung verkrperten diese bemerkenswerten Schwestern etwas, was viel mehr ist als nur eine Folge ihrer Lebensjahre auf Erden. Sie demonstrierten wahre geistige Reife.
Helaman, der gro?e Prophet im Buch Mormon, nannte seine Shne Nephi und Lehi nach ihren Vorfahren, und „sie fingen an, fr den Herrn heranzuwachsen“.1 Ob wir nun jung oder schon lter sind – wir alle mssen das Gleiche tun.
Der Gedanke, fr den Herrn heranzuwachsen, ist fesselnd. Anders als beim krperlichen Heranwachsen tritt das geistige Wachstum erst dann ein, wenn wir uns dazu entschlie?en, wie der Apostel Paulus es ausgedrckt hat, das abzulegen, was Kind an uns ist.2
Das tgliche Gebet und das Schriftstudium, das Einhalten der Gebote und der Bndnisse, die wir mit der Taufe und im Tempel geschlossen haben, sind grundlegend dafr, dass man fr den Herrn heranwchst. Wir lernen, auf seinen Wegen zu gehen, indem wir das tun, was uns dem himmlischen Vater nher bringt, und indem wir unsere Kinder und andere darin unterweisen, dies ebenfalls zu tun. Wir legen das ab, was Kind an uns ist, wenn wir uns dazu entschlie?en, wahrhaft christlich zu werden und anderen so zu dienen, wie er es mchte.
Als die Kirche in dieser Evangeliumszeit gegrndet wurde, erklrte der Herr, dass diejenigen, die „durch die Taufe in seine Kirche aufgenommen werden“, teilweise diejenigen sein wrden, die „willens sind, den Namen Jesu Christi auf sich zu nehmen, mit der Entschlossenheit, ihm bis ans Ende zu dienen“.3 Das bedeutet, alle Tage unseres Lebens „standhaft und unverrckbar , stets reich an guten Werken“4 zu sein. Heute, wo die Kirche in 170 Lndern auf der Erde wchst, wird von denjenigen, die tatschlich „fr den Herrn heranwachsen“ wollen, unbeirrter Dienst an anderen selbst unter schwierigen Umstnden gefordert. Diese Ausbreitung der Kirche bedeutet, dass viele von uns die Mglichkeit haben werden, Neubekehrten zu dienen.
Ich erlebte ein unvergessliches Beispiel dessen, wie Neubekehrten im Evangelium auf solch unbeirrte Weise gedient wurde, als ich die beiden engagierten Missionarinnen begleitete – die eine war eine fast achtzigjhrige Witwe, die andere eine alleinstehende Mutter um die sechzig. Falsch abzubiegen konnte sie nicht abschrecken. In dieser Gemeinde wurde ich auch Zeuge eines weiteren Beispiels.
Sie besteht aus Mitgliedern aller Altersstufen und aus vielen Lndern, denen es wirtschaftlich nicht allen gleich gut geht und die unterschiedliche Erfahrung in der Kirche haben. Zu denen mit der gr?ten Erfahrung in der Kirche gehren einige viel beschftigte junge Paare, die noch studieren, kaum Zeit und kleine Kinder haben.
Ich habe dort eine junge Mutter gesehen, die die Neubekehrten in der Gemeinde als Besuchslehrerinnen betreut hat. Ihr Mann passte auf das Baby auf, whrend sie zwei afrikanischen Schwestern begeistert zeigte, wie man sich liebevoll umeinander kmmert. Das bedeutete, dass sie diesen Schwestern nicht nur beibrachte, in einem neuen Land zurechtzukommen, sondern auch, sich auf ihre neue Religion einzustellen.
Durch ihr Vorbild lehrte sie die afrikanischen Schwestern, wie man einander so dient, dass es dem Herrn gefllt. Die Worte des Apostels Paulus beschreiben einfhlsam das, was ich darin sah, wie sich diese Betreuerin fr Besuchslehrarbeit gegenber Neubekehrten verhielt: „Wir sind euch freundlich begegnet [, wir] waren euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben; denn ihr wart uns sehr lieb geworden.“5 Bei jedem Besuch sorgte die junge Betreuerin fr Aufmunterung, sie ging sanft hilfreich zur Hand und trug die Besuchslehrbotschaft vor.
Mit der Zeit bereiteten die Schwestern die Besuchslehrbotschaft gemeinsam vor, um sie anderen Schwestern nach Hause zu bringen. Wenn sie unterwegs waren, stellten sie Bedrfnisse fest, halfen sofort und wurden so wahre FHV-Schwestern, die sich dazu verpflichtet haben, einander aufzurichten, zu trsten und zu ermutigen. Ich glaube, ich werde immer, wenn ich die Worte „ihre Herzen in Einigkeit und gegenseitiger Liebe verbunden“6 hre, an diese drei glcklichen, liebevollen Schwestern denken, die durch ihr unbeirrtes Dienen gezeigt haben, was es bedeutet, fr den Herrn heranzuwachsen.
Abgesehen von unentwegtem, unbeirrtem Dienen knnen wir uns auch dadurch entschlie?en, fr den Herrn heranzuwachsen, dass wir bereit sind, im Glauben vorwrts zu streben – selbst dann, wenn wir nicht genau wissen, was wir tun sollen. Betrachten Sie Nephis Bericht, wie ihm geboten wurde, ein Schiff zu bauen. Er berichtet ber den Sachverhalt:
„Und es begab sich: Der Herr sprach zu mir, nmlich: Du sollst ein Schiff bauen auf die Weise, die ich dir zeigen werde
Und ich sagte: Herr, wohin soll ich gehen, dass ich Erz finde zum Schmelzen, damit ich ein Werkzeug machen kann ?“7
Nephi stellte die zu erfllende Aufgabe nicht in Frage. Vielmehr bewies er in dieser Situation wie auch schon vorher geistig reife Erkenntnis: „Und so sehen wir, dass die Gebote Gottes erfllt werden mssen. Und wenn es so ist, dass die Menschenkinder die Gebote Gottes halten, nhrt er sie und strkt sie und bereitet Mittel, wodurch sie das vollbringen knnen, was er ihnen geboten hat.“8 Kurz gesagt, Nephi schaute nach einer Lsung und nicht auf die Hindernisse, denn er wusste – er wusste –, dass er bei seinem Heranwachsen fr den Herrn von Gott Hilfe dabei erhalten konnte und wrde, jedes erhaltene Gebot auszufhren.
In derselben Gemeinde konnte ich in der sanften, liebevollen Sorge eines Bischofs denselben Glauben beobachten. Er vergeudete angesichts der enormen Bedrfnisse einer immer gr?er werdenden Zahl von Neubekehrten keine Zeit mit Verzweiflung. Vielmehr strebte er vorwrts, indem er die erfahreneren Mitglieder der Kollegien des Aaronischen und Melchisedekischen Priestertums zur Mithilfe heranzog, um Neubekehrte aus Afrika und Lateinamerika auf ihre Priestertumsaufgaben vorzubereiten. Die neuen Brder wurden darin unterwiesen, wie man das Abendmahlsgeschirr beim Austeilen hlt und wie man sich hinkniet und das Brot und Wasser andchtig segnet. Ihre erfahreneren, oftmals jngeren Brder bten gemeinsam mit ihnen die Worte der Abendmahlsgebete, damit sie sich sicher fhlten, wenn sie sie sprachen. Danach sprachen alle Brder gemeinsam ber die Heiligkeit dieser wichtigen heiligen Handlung des Priestertums.
Wir alle haben schon erlebt, dass wir unsere Entschlossenheit, anderen zu dienen und unsere Bereitschaft, im Glauben vorwrts zu streben, zeigen mussten. Als mir mein Mann am Telefon erzhlte, dass wir statt unserer Missionsberufung einen schwierigen Auftrag in Afrika bekommen hatten, antwortete ich: „Das kriege ich hin. Ich glaube, ich kriege das hin.“ Durch meine Worte zeigte ich, dass ich mich dazu verpflichtet hatte, im Glauben vorwrts zu streben – erneut im Vertrauen, dass der Herr mir helfen wrde. Ich zeigte meine Bereitschaft, fr den Herrn heranzuwachsen.
Wie dieser glaubenstreue Bischof, diese engagierten Schwestern und ich besttigen knnen, wird, whrend wir stndig fr den Herrn heranwachsen, von uns gefordert, alles zu tun, was wir knnen, und manchmal sogar etwas, was unser Wissen bersteigt. Die Herausforderungen mgen gewaltig und der Weg manchmal unbekannt sein. Auch wenn man hie und da einmal den falschen Weg einschlgt, knnen diejenigen, die bestrebt sind, wirklich christlich zu sein – fest entschlossen, anderen zu dienen, und bereit, im Glauben vorwrts zu streben – die gro?e geistige Wahrheit widerhallen lassen, die Nephi aussprach, als er mit dem Schiffbau fortfuhr: „Und ich betete oft zum Herrn; darum zeigte der Herr mir Gro?es.“9 Wenn einem Gro?es gezeigt wird – was fr ein Geschenk, was fr eine Segnung fr all diejenigen, die sich dazu entschlossen haben, fr den Herrn heranzuwachsen! Mgen wir sanft und liebevoll sein und unerschtterliche geistige Reife zeigen, darum bete ich demtig im Namen Jesu Christi. Amen.