Prsident James E. Faust
Zweiter Ratgeber in der Ersten Prsidentschaft
Als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage liegt uns etwas an allen Kindern Gottes, die jetzt leben oder jemals auf der Erde gelebt haben. Die Erste Prsidentschaft hat im Jahre 1978 erklrt: „Unsere Botschaft zeugt von der besonderen Liebe und der Sorge um das ewige Wohlergehen aller Mnner und Frauen, ungeachtet ihrer Religion, Rassenzugehrigkeit oder Nationalitt, weil wir wissen, dass wir als Shne und Tchter desselben ewigen Vaters wahrlich Brder und Schwestern sind.“1 Elder Dallin H. Oaks hat vor einigen Jahren erklrt:
„Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage teilt mit anderen christlichen Kirchen viele Glaubensvorstellungen. Aber es gibt auch Unterschiede, und diese Unterschiede sind die Erklrung dafr, warum wir anderen Christen Missionare schicken, warum wir au?er Kirchen auch Tempel bauen und warum unsere Glaubensvorstellungen uns so glcklich machen und uns die Kraft verleihen, uns den Herausforderungen des Lebens und des Sterbens zu stellen.“2
Ich mchte heute von der Flle des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi Zeugnis ablegen, die die Glaubensvorstellungen anderer Konfessionen, sowohl der christlichen als auch der nichtchristlichen, ergnzt. Diese Flle wurde ursprnglich vom Erretter kundgetan, als er auf der Erde war. Dann gab es jedoch einen Abfall vom Glauben.
Einige der frhen Apostel wussten, dass sich vor dem Zweiten Kommen des Herrn Jesus Christus ein Abfall ereignen wrde. An die Thessalonicher schrieb Paulus bezglich dieses Ereignisses: „Lasst euch durch niemand und auf keine Weise tuschen! Denn zuerst muss der Abfall von Gott kommen.“3
Durch diesen Abfall gingen die Schlssel des Priestertums verloren, und einige kostbare Lehren der durch den Erretter aufgerichteten Kirche wurden verndert, darunter die Taufe durch Untertauchen4; das Empfangen des Heiligen Geistes durch Hndeauflegen5; das Wesen der Gottheit – sie besteht aus drei eigenstndigen Personen6; dass alle Menschen, die „Gerechten und Ungerechten“7, durch das Shnopfer Jesu Christi auferstehen werden; fortdauernde Offenbarung – dass die Himmel nicht verschlossen sind8 – sowie die Tempelarbeit fr die Lebenden und die Toten9.
Die Zeit danach wurde spter als das finstere Mittelalter bekannt. Dieser Abfall vom Glauben wurde vom Apostel Petrus vorhergesehen, der erklrt hat, dass „[Jesus Christus] freilich der Himmel aufnehmen [muss] bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem, die Gott von jeher durch den Mund seiner heiligen Propheten verkndet hat“.10 Eine Wiederherstellung ist aber nur dann vonnten, wenn kostbare Dinge wie diese verloren gegangen sind.
In den darauf folgenden Jahrhunderten erkannten glubige Mnner, dass es in der von Jesus Christus aufgerichteten Kirche einen allmhlichen Abfall vom Glauben gegeben hatte. Einige von ihnen mussten fr ihre Ansichten, die im 16. Jahrhundert im Rahmen der Reformation das Christentum in der westlichen Welt reformieren sollten, sehr leiden. Dies fhrte zur Abspaltung der protestantischen Kirchen von der christlichen Hauptkirche.
Unter diesen Reformatoren befand sich auch John Lathrop, Vikar der Kirche von Egerton im englischen Kent. brigens war der Prophet Joseph Smith ein Nachkomme John Lathrops. Im Jahr 1623 legte Vikar Lathrop sein Amt nieder, da er die Vollmacht der Anglikanischen Kirche, im Namen Gottes zu handeln, in Frage stellte. Bei seinem Bibelstudium stellte er fest, dass die apostolischen Schlssel nicht auf der Erde waren. 1632 wurde er Geistlicher in einer illegalen unabhngigen Kirche und wurde ins Gefngnis geworfen. Seine Frau starb, whrend er sich im Gefngnis befand, und seine nun zu Waisen gewordenen Kinder flehten den Bischof an, ihn freizulassen. Unter der Bedingung, dass John Lathrop das Land verlie?, willigte der Bischof ein. So geschah es auch, und John Lathrop wanderte mit 32 Mitgliedern seiner Gemeinde nach Amerika aus.11
Roger Williams, ein Pfarrer aus dem 17. Jahrhundert, der Rhode Island besiedelt hatte, weigerte sich, weiterhin als Pfarrer in Providence zu amtieren. Als Grund gab er an, es gebe „weder eine rechtm?ig gegrndete Kirche Christi auf Erden noch irgendjemanden, der befugt sei, ihre heiligen Handlungen zu vollziehen, und das knne es auch erst dann wieder geben, wenn das gro?e Oberhaupt der Kirche, auf dessen Kommen er wartete, neue Apostel sende“.12
Dies sind nur zwei Theologen, die einen Abfall von der Kirche, die Jesus Christus aufgerichtet hatte, und die Notwendigkeit fr eine Wiederherstellung der verlorenen Schlssel des Priestertums erkannt hatten. Der Apostel Johannes sah in einer Vision die Zeit, in der „ein anderer Engel hoch am Himmel [flog]. Er hatte den Bewohnern der Erde ein ewiges Evangelium zu verknden, allen Nationen, Stmmen, Sprachen und Vlkern“.13 Diese Prophezeiung hat sich erfllt. Da wir daran glauben, dass die Flle des Evangeliums Jesu Christi durch den Propheten Joseph Smith in unserer Zeit wiederhergestellt worden ist, mchten wir allen Menschen ermglichen, diese Botschaft kennen zu lernen und sie anzunehmen.
In der wiederhergestellten Kirche gibt es heute Apostel, Propheten, Hirten, Lehrer und Evangelisten, so wie es Paulus den Ephesern erlutert hat.14 Diese mter im Priestertum wurden vom Erretter eingefhrt, als er seine Kirche in der Mitte der Zeiten aufrichtete. Wir erkennen die zwei Ordnungen des Priestertums und die mter, die es darin gibt, an: Das geringere Priestertum ist das nach Aaron benannte Aaronische Priestertum, und das hhere Priestertum ist das Melchisedekische Priestertum, das nach Melchisedek benannt wurde, dem Abraham Zehnten zahlte. Joseph Smith und Oliver Cowdery empfingen das Aaronische Priestertum aus den Hnden Johannes des Tufers am 15. Mai 1829 und das Melchisedekische Priestertum daraufhin innerhalb eines Monats unter den Hnden der Urapostel Petrus, Jakobus und Johannes. Diejenigen, die dieses Priestertum besitzen, beanspruchen daher heute die Macht, im Namen Gottes durch das Priestertum zu handeln, wobei diese Macht sowohl auf der Erde als auch im Himmel Achtung verdient.15
Am 3. April 1836 erschien im Tempel von Kirtland Mose und bergab dem Propheten Joseph Smith und Oliver Cowdery die Schlssel zur Sammlung Israels. Danach „erschien Elias und bertrug die Evangeliumszeit Abrahams, [wonach] in uns und unseren Nachkommen alle Generationen nach uns gesegnet sein [wrden]“.16 Dann erschien der Prophet Elija und bergab ihnen die Schlssel dieser Evangeliumszeit, welche die Siegelungsmacht einschlie?t, nmlich im Himmel das zu binden, was auf Erden im Tempel gebunden wird.17 Propheten frherer Evangeliumszeiten haben also ihre Schlssel dem Propheten Joseph Smith in dieser letzten Evangeliumszeit – der „Flle der Zeiten“ – berreicht, so wie Paulus es den Ephesern gegenber angekndigt hatte.18
Ich bin dankbar, dass der Herr es fr angebracht hielt, das Gesetz des Zehnten und des Opferns fr dieses Volk wieder einzufhren. Wenn wir das Gesetz des Zehnten halten, ffnen sich fr uns die Schleusen des Himmels. Gro? ist der Segen, der auf diejenigen herabgeschttet wird, deren Glaube gro? genug ist, dass sie das Gesetz des Zehnten halten.
In der langen Geschichte der Welt ist ein wesentlicher Teil der Gottesverehrung der Heiligen schon immer der Gottesdienst im Tempel gewesen, durch den sie ihren Wunsch unter Beweis stellen, ihrem Schpfer nher zu kommen. Als der Erretter auf der Erde war, war der Tempel fr ihn ein Ort des Lernens – ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Die Segnungen des Tempels sind in unserer Zeit wieder vorhanden. Ein einzigartiges Merkmal der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist ihre Lehre bezglich des Tempels und der ewigen Tragweite von allem, was darin geschieht. Unsere erhabenen und schnen Tempel sind heute berall auf der Erde zu finden. In ihnen wird die heiligste aller Arbeiten verrichtet. Prsident Gordon B. Hinckley hat ber diese Tempel Folgendes gesagt: „Es gibt nur wenige Orte auf der Erde, an denen die Menschheit auf Fragen ber das Leben Antworten erhalten kann, die in der Ewigkeit von Belang sind.“19 Die heiligen Geheimnisse im Zusammenhang damit, woher wir kommen, warum wir hier sind und wohin wir gehen, werden im Tempel ausfhrlicher gelftet. Wir sind aus der Gegenwart Gottes hier auf die Erde gekommen, um uns vorzubereiten, in seine Gegenwart zurckzukehren.
Es ist von Bedeutung jenseits alles Irdischen, dass innerhalb der heiligen Mauern des Tempels Ehepaare Bndnisse fr die Ewigkeit schlie?en. Diese Bndnisse werden mit der Priestertumsvollmacht gesiegelt. Kinder, die aus so einer Verbindung hervorgehen, knnen sich, sofern sie wrdig sind, einer ewigen Beziehung als Teil einer Familie und als Kinder Gottes erfreuen. Wie der Apostel Johannes schrieb: „Wer sind diese, die wei?e Gewnder tragen? [Sie] stehen vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel.“20
Der Herr hat gesagt, es sei sein Werk, „die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen.“21 Daraus folgt, dass alle Menschen, ob lebend oder verstorben, die Mglichkeit haben mssen, das Evangelium entweder in diesem Leben oder in der Geisterwelt kennen zu lernen. Wie Paulus den Korinthern gesagt hat: „Wie kmen sonst einige dazu, sich fr die Toten taufen zu lassen? Wenn Tote gar nicht auferweckt werden, warum lsst man sich dann taufen fr sie?“22 Dies ist der Grund, warum wir im Tempel heilige Handlungen fr unsere verstorbenen Vorfahren vollziehen. Niemand wird um die Mglichkeit, zu whlen, oder um seinen freien Willen gebracht. Diejenigen, fr die diese Arbeit getan wird, haben die Wahl, sie anzunehmen oder nicht.
Der Apostel Johannes hat in einer Vision die Zeit gesehen, in der ein Engel als Teil der Wiederherstellung des Evangeliums zur Erde kommen sollte. Dieser Engel war Moroni, der dem Propheten Joseph Smith erschienen ist. Er fhrte Joseph zu dem Ort, wo die goldenen Platten lagen, die heilige Schrift aus einem vergangenen Zeitalter enthielten. Joseph Smith hat dann diese Platten durch die Gabe und die Macht Gottes bersetzt, und das Buch Mormon wurde verffentlicht. Es ist dies ein Bericht von zwei Volksgruppen, die vor Jahrhunderten auf dem amerikanischen Kontinent gelebt haben. Ehe das Buch Mormon hervorkam, war nur wenig ber sie bekannt. Wichtiger ist jedoch, dass das Buch Mormon ein weiterer Zeuge fr Jesus Christus ist. Es hat kostbare Wahrheiten in Bezug auf den Fall, das Shnopfer, die Auferstehung und das Leben nach dem Tod wiederhergestellt.
Vor der Wiederherstellung war der Himmel jahrhundertelang verschlossen gewesen. Aber als es auf der Erde erneut Propheten und Apostel gab, tat sich der Himmel wieder auf, und Visionen und Offenbarungen wurden kundgetan. Viele der Offenbarungen, die der Prophet Joseph Smith empfangen hat, wurden in einem Buch, das Lehre und Bndnisse genannt wird, niedergeschrieben. Dieses vermittelt tiefere Erkenntnisse ber die Grundstze und Verordnungen und ist eine wertvolle Quelle, was die Organisation des Priestertums betrifft. Darber hinaus haben wir eine weitere kanonisierte heilige Schrift, nmlich die Kstliche Perle. Sie enthlt das Buch Mose, das dem Propheten Joseph Smith offenbart worden ist, und das Buch Abraham, das er von einer kuflich erworbenen gyptischen Schriftrolle bersetzt hat. Aus diesen Bchern erfahren wir nicht nur einiges mehr ber Mose, Abraham, Henoch und andere Propheten, sondern auch viele weitere Einzelheiten ber die Schpfung. Wir erfahren, dass von Anbeginn an alle Propheten im Evangelium Jesu Christi unterwiesen wurden – schon seit den Tagen Adams.23
Wir glauben, dass die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage eine Wiederherstellung der ursprnglichen Kirche ist, die von Jesus Christus aufgerichtet wurde und „auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut [ist]; der Schlussstein [ist] Christus Jesus selbst“.24 Sie ist keine Abspaltung von einer anderen Kirche.
Wir glauben, dass die Flle des Evangeliums Christi wiederhergestellt worden ist, dies aber kein Grund dafr ist, sich in irgendeiner Weise anderen Kindern Gottes berlegen zu fhlen. Vielmehr erwchst daraus eine gr?ere Verpflichtung, die Kernpunkte des Evangeliums Jesu Christi in unserem Leben zur Entfaltung zu bringen – zu lieben, zu dienen und fr andere da zu sein. Tatschlich glauben wir daran, wie die Erste Prsidentschaft 1978 erklrt hat, dass „die gro?en Religionsfhrer der Welt wie Mohammed, Konfuzius und die Reformatoren und auch Philosophen wie Sokrates, Plato und andere einen Anteil am Licht Gottes empfangen haben. Ihnen wurden von Gott sittliche Wahrheiten kundgetan, um ganze Vlker zu erleuchten und jeden Einzelnen mit gr?erer Erkenntnis zu erfllen“.25 Daher haben wir Achtung vor den aufrichtigen religisen berzeugungen anderer und sind dankbar, wenn uns dieselbe Hflichkeit und Achtung fr die Lehren entgegengebracht wird, die uns so kostbar sind.
Ich habe ein persnliches Zeugnis von der Echtheit der Bndnisse, der Lehren und der Vollmacht, die durch den Propheten Joseph Smith wiederhergestellt worden sind. Diese Gewissheit hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ich bin dankbar, dass die Wiederherstellung der Flle des Evangeliums in unserer Zeit erfolgt ist. Sie schlie?t den Pfad ein, der zum ewigen Leben fhrt. Mgen die Kraft, der Frieden und die Frsorge Gottvaters sowie die bestndige Liebe und Gnade des Herrn Jesus Christus mit uns allen sein. Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.