Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

176th Annual General Conference, April 2006

Das Leben in Flle

Elder Joseph B. Wirthlin
vom Kollegium der Zwlf Apostel

Das Leben in Flle ist fr uns erreichbar, wenn wir in tiefen Zgen vom lebendigen Wasser trinken, unser Herz mit Liebe fllen und aus unserem Leben ein Meisterwerk machen.

Harry de Leyer kam an einem verschneiten Tag im Jahr 1956 zu spt zur Versteigerung, und alle guten Pferde waren bereits verkauft. Die brigen waren alt und ausgelaugt und waren an einen Betrieb zum Schlachten verkauft worden.

Harry, der Reitlehrer an einer Mdchenschule in New York war, wollte gerade wieder gehen, als sein Blick auf eines dieser Pferde fiel – ein vernachlssigter grauer Wallach mit hsslichen Wunden an den Beinen. Man sah die Spuren des schweren Geschirrs, das das Tier getragen hatte. Offensichtlich hatte es ein schweres Leben gehabt. Doch etwas an ihm fesselte Harrys Aufmerksamkeit, also bot er 80 Dollar fr das Pferd.

Es schneite, als Harrys Kinder das Pferd zum ersten Mal sahen, und weil es ber und ber mit Schnee bedeckt war, nannten sie es „Snowman“ (Schneemann).

Harry sorgte gut fr das Pferd, das sich als gutmtiger und verlsslicher Freund erwies – ein Pferd, auf dem die Mdchen gern ritten, weil es ganz ruhig blieb und nicht so schreckhaft war wie manch anderes. Snowman entwickelte sich sogar so gro?artig, dass ein Nachbar ihn fr den doppelten Betrag, den Harry ursprnglich gezahlt hatte, kaufte.

Doch Snowman verschwand immer wieder von der Weide des Nachbarn. Manchmal fand man ihn im Kartoffelfeld, ein andermal auf Harrys Grundstck. Das Pferd musste wohl ber die Zune zwischen den Grundstcken gesprungen sein, aber das schien unmglich. Harry hatte Snowman nie ber etwas Hheres springen sehen als ber einen umgefallenen Baumstamm.

Schlie?lich verlor der Nachbar die Geduld und bestand darauf, dass Harry das Pferd zurcknahm.

Schon seit Jahren trumte Harry davon, ein erstklassiges Springpferd hervorzubringen. Er hatte bereits einige bescheidene Erfolge erzielt. Wollte er jedoch auf den besten Turnieren antreten, musste er wohl ein reinrassiges Pferd kaufen, das speziell zum Springen gezchtet worden war. Ein solches Pferd kostete aber weitaus mehr, als er sich leisten konnte.

Snowman war schon recht alt – er war 8, als Harry ihn gekauft hatte – und er war schlecht behandelt worden. Doch anscheinend sprang Snowman gern. Also wollte Harry herausfinden, was das Pferd konnte.

Was Harry sah, machte ihm Hoffnung, dass sein Pferd vielleicht eine Chance hatte.

1958 startete Harry mit Snowman zum ersten Mal in einem Turnier. Snowman wirkte etwas deplatziert zwischen den edlen Rassepferden. Andere Pferdezchter nannten Snowman den „vergammelten Grauen“.

Doch an diesem Tag geschah etwas Wunderbares, Unglaubliches.

Snowman gewann!

Harry nahm mit Snowman an weiteren Turnieren teil, und Snowman war weiterhin siegreich.

Die Zuschauer jubelten jedes Mal, wenn Snowman ein Turnier gewann. Er wurde ein Symbol dafr, wie au?ergewhnlich ein gewhnliches Pferd sein kann. Er kam sogar ins Fernsehen. Geschichten und Bcher wurden ber ihn geschrieben.

Als Snowman Sieg um Sieg errang, bot man Harry 100 000 Dollar fr das alte Pferd, das einmal den Pflug gezogen hatte, doch Harry verkaufte es nicht. 1958 und 1959 wurde Snowman zum Pferd des Jahres gekrt. Schlie?lich wurde der graue Wallach, der einst zu einem Schleuderpreis verkauft worden war, in die Ruhmeshalle der berhmtesten Springpferde aufgenommen.1

Fr viele war Snowman viel mehr als ein Pferd. Er wurde zum Symbol fr das verborgene, unerschlossene Potenzial, das in jedem von uns ruht.

Ich durfte schon viele wunderbare und ganz unterschiedliche Menschen kennen lernen. Ich bin reichen und armen Menschen begegnet, berhmten und bescheidenen, klugen und noch anderen.

Manche waren von schweren Sorgen bedrckt, andere strahlten Zuversicht und inneren Frieden aus. In manchen schwelte eine unauslschliche Bitterkeit, andere strahlten vor unbndiger Freude. Manche schienen niedergeschlagen, whrend andere, trotz aller Schwierigkeiten, Verzweiflung und Enttuschung berwunden hatten.

Ich habe manche Leute sagen hren, vielleicht nur zum Teil im Spa?, dass die einzigen glcklichen Menschen die sind, die berhaupt nicht begreifen, was um sie herum vorgeht.

Da bin ich jedoch anderer Meinung.

Ich kenne viele, die voller Freude sind und Glck ausstrahlen.

Ich kenne viele, die das Leben in Flle haben.

Und ich glaube, ich wei?, woran das liegt.

Heute mchte ich ein paar charakteristische Merkmale aufzhlen, die die glcklichsten Menschen, die ich kenne, gemeinsam haben. Es sind Eigenschaften, die eine gewhnliche Existenz in ein aufregendes Leben in Flle verwandeln knnen.

Erstens: Sie trinken in tiefen Zgen vom lebendigen Wasser.

Der Erretter hat gelehrt: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich geben werde, wird niemals mehr Durst haben; [denn es wird] in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“2

Wenn das Evangelium Jesu Christi gnzlich verstanden und angenommen wird, heilt es gebrochene Herzen, gibt dem Leben Sinn, verbindet Menschen, die sich lieben, mit einem Band, das ber das Erdenleben hinausreicht, und erfllt das Leben mit einer unglaublichen Freude.

Prsident Lorenzo Snow hat gesagt: „Der Herr hat uns das Evangelium nicht dazu gegeben, dass wir alle Tage unseres Lebens in Trauer verbringen.“3

Das Evangelium Jesu Christi ist keine traurige und dstere Religion. Der Glaube unserer Vter ist voller Hoffnung und Freude. Das Evangelium legt uns nicht in Ketten, sondern verleiht uns Flgel.

Es gnzlich anzunehmen bedeutet, dass wir von Staunen erfllt sind und in uns ein Feuer lodert. Unser Erretter hat verkndet: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Flle haben.“4

Sehnen Sie sich nach innerem Frieden?

Trinken Sie in tiefen Zgen vom lebendigen Wasser.

Wnschen Sie sich Vergebung? Frieden? Erkenntnis? Freude?

Trinken Sie in tiefen Zgen vom lebendigen Wasser.

Das Leben in Flle ist auf Geistiges ausgerichtet. Zu viele sitzen an der Festtafel des Evangeliums Jesu Christi und gnnen sich nur kleine Kostproben von den angebotenen Speisen. Sie sind nach au?en hin dabei, besuchen vielleicht die Versammlungen, werfen einen kurzen Blick in die heiligen Schriften, sagen immer wieder die gleichen Gebete auf, aber ihr Herz ist weit entfernt. Wenn sie ehrlich sind, wrden sie zugeben, dass sie die neuesten Gerchte in der Nachbarschaft, die Entwicklung an der Brse oder ihre Lieblingssendung im Fernsehen mehr interessiert als die berirdischen Wunder und das sanfte Wirken des Heiligen Geistes.

Wollen Sie von diesem lebendigen Wasser trinken und erleben, wie es in Ihnen zur sprudelnden Quelle wird, die ewiges Leben schenkt?

Dann haben Sie keine Angst. Glauben Sie von ganzem Herzen. Entwickeln Sie einen unerschtterlichen Glauben an den Sohn Gottes, und ffnen Sie Ihr Herz in aufrichtigem Gebet. Fllen Sie Ihren Sinn mit Wissen ber den Herrn. Lassen Sie ab von Ihren Schwchen. Leben Sie in Heiligkeit und im Einklang mit den Geboten.

Trinken Sie in tiefen Zgen vom lebendigen Wasser des Evangeliums Jesu Christi.

Die zweite Eigenschaft derer, die das Leben in Flle haben: Sie fllen ihr Herz mit Liebe.

Liebe ist der Kern des Evangeliums und das wichtigste aller Gebote. Der Erretter hat gelehrt, dass alle anderen Gebote und Lehren der Propheten daran hngen.5 Der Apostel Paulus schreibt: „Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nchsten lieben wie dich selbst!“6

Oft wissen wir gar nicht, wie weitreichend eine einfache freundliche Tat sein kann. Der Prophet Joseph Smith war ein Vorbild an Mitgefhl und Liebe. Einmal trafen acht Schwarze in seinem Haus in Nauvoo ein. Sie waren aus Buffalo im Staat New York angereist, das etwa 1300 Kilometer entfernt war, denn sie wollten beim Propheten Gottes und bei den Heiligen sein. Sie waren zwar frei, hatten sich aber trotzdem vor denen verstecken mssen, die sie vielleicht fr entlaufene Sklaven hielten. Sie hatten Klte und Mhsal ertragen und zuerst die Schuhe, dann die Socken durchgelaufen. Schlie?lich waren sie den weiten Weg bis zur Stadt Josephs barfu? weitergegangen. Als sie in Nauvoo eintrafen, hie? der Prophet sie in seinem Haus willkommen und half ihnen, eine Bleibe zu finden.

Doch ein Mdchen namens Jane hatte noch keinen Ort, wo es bleiben konnte. Es weinte und wusste nicht, was es tun sollte.

„Hier braucht niemand zu weinen“, sagte Joseph zu ihm. Er wandte sich an Emma und sagte: „Hier ist ein Mdchen, das noch kein Zuhause hat. Meinst du nicht auch, dass es hier ein Zuhause hat?“

Emma war einverstanden. Von diesem Tag an gehrte Jane zur Familie und lebte bei ihnen.

Jane erzhlte, dass sie noch Jahre nach dem Mrtyrertod des Propheten und nachdem sie gemeinsam mit den Pionieren bis nach Utah gezogen war, manchmal „mitten in der Nacht aufwachte und einfach an Bruder Joseph und Schwester Emma denken musste, die so gut zu mir waren. Joseph Smith“, sagte sie, „war der beste Mensch, dem ich auf Erden je begegnet bin.“7

Prsident Gordon B. Hinckley hat gesagt, dass diejenigen, die andere aufrichten und ihnen helfen, „ein Glck kennen lernen, das sie zuvor nicht gekannt haben. Gott wei?, dass es viele, viele Menschen auf der Welt gibt, die Hilfe brauchen. Es sind so viele. Verbannen wir die zerfressende Selbstsucht aus unserem Leben, meine Brder und Schwestern, und stehen wir etwas aufrechter und recken wir uns etwas hher, wenn es darum geht, unseren Mitmenschen zu dienen.“8

Wir sind alle sehr beschftigt. Man findet leicht Entschuldigungen dafr, warum man sich nicht um andere kmmern kann, aber fr den himmlischen Vater klingen sie vermutlich so hohl wie die Entschuldigung eines Grundschlers, der seiner Lehrerin eine Notiz mit der Bitte berreicht, ihn vom 30. bis zum 34. Mrz vom Unterricht freizustellen.

Wer sein Leben damit verbringt, seine eigenen selbstschtigen Wnsche zu erfllen, ohne auf andere zu achten, der wird entdecken, dass am Ende seine Freude oberflchlich ist und sein Leben kaum Sinn hat.

Auf dem Grabstein eines solchen Menschen war zu lesen:

Hier liegt ein Geizhals, der niemandem hold
als Talern, Dukaten, Silber und Gold.
Wohin er ist, wie’s ihm dort geht –
schon lngst kein Hahn mehr danach krht.9

Wir sind dann am glcklichsten, wenn unser Leben durch selbstlose Liebe und selbstloses Dienen mit anderen Menschen verbunden ist. Prsident J. Reuben Clark hat gesagt: „Es gibt keinen gr?eren Segen, keine gr?ere Freude, kein gr?eres Glck, als die Not eines anderen Menschen zu lindern.“10

Die dritte Eigenschaft derer, die das Leben in Flle haben: Sie machen mit der Hilfe des himmlischen Vaters aus ihrem Leben ein Meisterwerk.

Unabhngig von unserem Alter, unseren Umstnden und Fhigkeiten knnen wir etwas Bemerkenswertes aus unserem Leben machen.

David sah sich selbst als Hirte, aber der Herr sah ihn als Knig von Israel. Josef aus gypten arbeitete als Sklave, aber der Herr sah ihn als Seher. Mormon trug die Rstung eines Soldaten, aber der Herr sah ihn als Propheten.

Wir sind Shne und Tchter eines unsterblichen, liebevollen und allmchtigen Vaters im Himmel. Wir sind nicht nur aus dem Staub der Erde, sondern ebenso aus dem Staub der Ewigkeit geschaffen. In jedem von uns ruht ein Potenzial, das wir uns kaum vorstellen knnen.

Der Apostel Paulus schreibt: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehrt hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Gro?e, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“11

Wie ist es dann mglich, dass sich so viele nur als altes graues Pferd sehen, das nicht viel taugt? Jeder von uns hat etwas Gro?artiges in sich – eine Gabe von unserem liebevollen ewigen himmlischen Vater. Was wir aus dieser Gabe machen, liegt an uns.

Lieben Sie den Herrn mit ganzem Herzen, aller Macht, ganzem Sinn und aller Kraft. Engagieren Sie sich in gro?artigen und edlen Sachen. Machen Sie Ihr Zuhause zu einem heiligen und strkenden Zufluchtsort. Machen Sie Ihre Berufungen in der Kirche gro?. Bilden Sie sich. Strken Sie Ihr Zeugnis. Kmmern Sie sich um andere.

Machen Sie aus Ihrem Leben ein Meisterwerk.

Brder und Schwestern, das Leben in Flle erhalten wir nicht verpackt und gebrauchsfertig. Wir knnen es nicht bestellen und dann am Nachmittag mit der Post erhalten. Wir finden es nicht ohne Mhe und Kummer.

Wir finden es durch Glauben, Hoffnung und Nchstenliebe. Und das Leben in Flle hat der, der trotz Mhen und Kummer die folgenden Worte eines Autors nachempfindet: „Im tiefsten Winter erkannte ich schlie?lich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer ruhte.“12

Das Leben in Flle ist kein Ziel, an dem wir ankommen. Vielmehr ist es eine wunderbare Reise, die vor langer, langer Zeit begonnen hat und niemals enden wird.

Ein gro?er Trost des Evangeliums Jesu Christi ist das Wissen, dass dieses Erdenleben im Licht der Ewigkeit nur ein Augenzwinkern ist. Ob wir am Beginn unserer irdischen Reise stehen oder am Ende – dieses Leben ist nur ein Schritt, ein kleiner Schritt.

Unsere Suche nach dem Leben in Flle ist nicht beschrnkt auf unser Dasein in unserer irdischen Hlle. Das eigentliche Ende kann man nur aus dem Blickwinkel der Ewigkeit erfassen, die sich endlos vor uns ausstreckt.

Brder und Schwestern, auf der Suche nach dem Leben in Flle finden wir unsere Bestimmung.

Wie in der Geschichte von dem alten Pferd, das man fr unbrauchbar hielt, das jedoch die Seele eines Siegers in sich trug, ist auch in jedem von uns ein Funken gttlicher Gr?e verborgen. Wer wei?, wozu wir fhig sind, wenn wir es nur versuchen? Das Leben in Flle ist fr uns erreichbar, wenn wir in tiefen Zgen vom lebendigen Wasser trinken, unser Herz mit Liebe fllen und aus unserem Leben ein Meisterwerk machen.

Ich bete demtig dafr, dass wir dies tun mgen. Im Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. Siehe Rutherford George Montgomery, Snowman, 1962
  2. Johannes 4:14
  3. The Teachings of Lorenzo Snow, Hg. Clyde J. Williams, 1996, Seite 61
  4. Johannes 10:10
  5. Siehe Matthus 22:40
  6. Galater 5:14
  7. Neil K. Newell., „Joseph Smith Moments: Stranger in Nauvoo“, Church News, 31. Dezember 2005, Seite 16
  8. Teachings of Gordon B. Hinckley, 1997, Seite 597
  9. Obert C. Tanner, Christ’s Ideals for Living, Sonntagsschulleitfaden, 1955, Seite 266
  10. „Fundamentals of the Church Welfare Plan“, Church News, 2. Mrz 1946, Seite 9
  11. 1 Korinther 2:9
  12. Albert Camus, Hg. John Bartlett, Familiar Quotations, 16. Auflage, 1980, Seite 732