Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage

176th Annual General Conference, April 2006

Das Gebet, der Glaube und die Familie Trittsteine zu ewigem Glck

Elder H. Bruce Stucki
von den Siebzigern

Der himmlische Vater wird unser demtiges Gebet hren und uns den Trost und die Fhrung geben, um die wir bitten.

Es war der Tag nach Weihnachten 1946 in Santa Clara, Utah. Als neunjhriger Junge fragte ich meine Mutter, ob ich mit meinem Weihnachtsgeschenk – ich hatte Pfeil und Bogen bekommen – auf dem Hgel hinter unserem Haus Kaninchen jagen gehen drfte. Es war spter Nachmittag und meine Mutter zgerte, aber auf mein Drngen hin lie? sie mich schlie?lich gehen, allerdings nur, wenn ich bevor es dunkel war wieder zu Hause wre.

Als ich oben auf dem Hgel angekommen war, legte ich einen Pfeil auf den Bogen und fing an, leise durch das Gestrpp zu gehen, in der Hoffnung, ein Kaninchen zu sehen, das unter den Bschen fra?, wo das zarte Gras noch immer grn war.

Ich wurde von einem gro?en Wildkaninchen erschreckt, das direkt vor mir aus einem Salbeibusch heraussprang. Ich spannte den Bogen, zielte schnell und lie? den Pfeil auf das fliehende, davonjagende Kaninchen zufliegen. Der Pfeil verfehlte sein Ziel, und das Kaninchen verschwand im Gebsch vor mir.

Ich ging zu der Stelle, wo der Pfeil meiner Meinung nach zu Boden gefallen war, um ihn zurckzuholen. Zum Bogen gehrten nur fnf Pfeile, und ich wollte diesen nicht verlieren. Ich sah dort nach, wo der Pfeil htte liegen mssen, er war aber nicht da. Ich suchte den ganzen Bereich ab, wo der Pfeil gelandet sein musste, konnte ihn aber nicht finden.

Im Westen ging die Sonne unter; ich wusste, dass es in etwa drei?ig Minuten dunkel sein wrde, und ich wollte nicht zu spt nach Hause kommen. Ich suchte noch einmal das Gebiet ab, wo der Pfeil htte sein sollen; ich sah grndlich unter jeden Busch, aber er war nicht zu finden.

Die Zeit wurde knapp, und ich musste mich auf den Rckweg machen, um zu Hause zu sein, bevor es dunkel war. Ich beschloss, zu beten und den himmlischen Vater zu bitten, mir zu helfen, den Pfeil zu finden. Ich ging auf die Knie, schloss meine Augen und betete zum Vater im Himmel. Ich sagte ihm, dass ich meinen neuen Pfeil nicht verlieren wollte, und bat ihn, mir zu zeigen, wo ich ihn finden konnte.

Noch auf den Knien ffnete ich meine Augen, und dort im Salbeibusch, direkt vor mir auf Augenhhe, sah ich, halb versteckt von den Zweigen, die farbigen Federn des Pfeils. Ich ergriff den Pfeil und rannte nach Hause; kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam ich an.

Ich werde dieses besondere Erlebnis nie vergessen. Der himmlische Vater hatte mein Gebet beantwortet. Das war das erste Mal, dass ich um Hilfe gebetet hatte, und er half mir! An jenem Abend lernte ich, Glauben zu haben und auf den himmlischen Vater zu vertrauen.

Wenn wir Hilfe brauchen – selbst wenn es sich um einen naiven kleinen Jungen mit einem wichtigen Anliegen handelt – hrt der himmlische Vater unser Beten und gibt uns liebevoll die Fhrung, um die wir bitten.

Jesus Christus, unser Erretter, hat zu uns gesagt: „Sei demtig, dann wird der Herr, dein Gott, dich an der Hand fhren und dir auf deine Gebete Antwort geben.“1

Jakobus unterweist uns in der heiligen Schrift:

„Fehlt es aber einem von euch an Weisheit, dann soll er sie von Gott erbitten; Gott wird sie ihm geben, denn er gibt allen gern und macht niemand einen Vorwurf.

Wer bittet, soll aber im Glauben bitten und nicht zweifeln.“2

Prsident James E. Faust hat gesagt: „Ein inbrnstiges, aufrichtiges Gebet ist eine Verstndigung in zwei Richtungen, die viel dazu beitrgt, dass sein Geist wie heilendes Wasser flie?t, um uns in Prfungen, Not, Schmerzen und Mhen, die jeder von uns erfhrt, zu helfen.“3

Das Gebet ist ein Trittstein auf dem Weg, der uns zum ewigen Leben beim Vater im Himmel fhrt.

Der Glaube ist ein weiterer Trittstein, der fr unsere ewige Erlsung entscheidend ist!

Der Erretter hat auch gesagt: „Und alles, was ihr den Vater in meinem Namen bittet, sofern es recht ist und ihr glaubt, dass ihr empfangen werdet, siehe, das wird euch gegeben werden.“4

Vor drei?ig Jahren ereignete sich im entlegensten Teil Neuseelands eine wahre Geschichte. Die dem Wind stark ausgesetzten Chatham-Inseln befinden sich im Sdpazifik ungefhr achthundert Kilometer stlich von Christchurch. 650 abgehrtete, einfallsreiche Menschen lebten dort isoliert in dem einsamen, rauen Umfeld jener Tage; ein junger, unerfahrener Arzt, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hatte, war fr ihre medizinische Versorgung zustndig.

Ein achtjhriger Junge namens Shane hatte sich 65 Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Insel eine schwere Kopfverletzung zugezogen. Man hatte ihn auf dem Rcksitz eines alten rostigen Autos eilig ber das Sumpfland und entlang der Strnde in das kleine Krankenhaus gebracht, ein kleines Landhaus mit vier Betten. Er war bewusstlos.

Der junge Arzt, der wenig Erfahrung und nur eine Grundausstattung chirurgischer Instrumente hatte, war auf einen solchen Fall nicht vorbereitet. Shane befand sich in einem kritischen Zustand. Es gab offensichtlich eine Blutung innerhalb seines gebrochenen Schdels – und Blutgerinnsel konnten zu einer tdlichen Hirnquetschung fhren. Der Arzt hatte noch nie eine Hirnoperation mitverfolgt, aber er wusste, dass er die heikle Operation sofort durchfhren oder zusehen musste, wie ein kleiner Junge starb.

Es mussten Blutspender herbeigerufen, die Blutgruppen mit der des Patienten verglichen und die Narkose vorbereitet werden. Das veraltete Rntgengert war kaputt gegangen, sodass keine hilfreichen Aufnahmen gemacht werden konnten.

Es erfolgte das erste von vielen Telefongesprchen nach Wellington, von wo aus ein Neurochirurg versuchte, sich die Sachlage vorzustellen und den nervsen jungen Arzt durch einen sehr heiklen Operationsvorgang zu fhren.

Shanes Mutter betete. Der Arzt, die Krankenschwestern und die Frau des Arztes beteten.

In der allgemeinen Hektik mussten Aufgaben delegiert werden. Ein Polizist fhrte die Narkose durch, eine Krankenschwester wurde zur Operationsassistentin, und als die Dunkelheit hereinbrach, begann die Arbeit unter einer verstellbaren Schreibtischlampe.

Der erste, nervs vollzogene operative Schnitt lie? keinerlei Blutung sichtbar werden, also mussten weitere Schnitte durch Shanes kleinen Schdel gezogen werden, um die Blutung zu finden. Es erfolgten weitere Anrufe beim Neurochirurgen mit der Bitte um Anweisungen und Besttigung; sein Rat wurde in allen Einzelheiten befolgt. Nach sechs Stunden voller Sorge und Anspannung war die Operation abgeschlossen, die Hirnblutung gestillt und ein erfolgreiches Ergebnis erzielt. Ruhe trat an die Stelle des Chaos. Es war gegen Mitternacht.

Der Arzt war ein junger Vater. Er dachte an seine Familie und an die Segnungen, derer sie sich erfreuten. Er war dankbar fr die wiederholte liebevolle, gro?e Barmherzigkeit des Herrn in seinem Leben und vor allem fr die Gegenwart des Trsters whrend jener letzten zwlf Stunden. Er war dankbar fr die Gegenwart eines unsichtbaren Experten, der sein weitaus gr?eres Wissen bereitwillig weitervermittelte, als es gebraucht wurde.

Im entscheidenden Moment in einer verzweifelten Lage sorgte der Herr fr Fhrung und gab einem jungen, unerfahrenen Arzt die Fhigkeit, ein Wunder zu vollbringen und das Leben eines kleinen Jungen zu bewahren, der dem Herrn kostbar war.

Neil Hutchison war dieser junge Arzt, der um Hilfe gebetet und den Glauben gehabt hatte, sich auf den Herrn und den Neurochirurgen zu verlassen, was ihn befhigte, unter den schwierigsten Bedingungen ein Wunder zu vollbringen. Er ist heute Bischof der Gemeinde East Coast Bays in Auckland, Neuseeland.

Bischof Hutchinson erzhlte mir: „Ich hatte vor einigen Jahren zum ersten Mal seit jenem Tag im Jahr 1976 die Gelegenheit, Shane und seinen Vater in Christchurch zu treffen. Er ist Elektriker, hat sein eigenes Unternehmen und ist sich keiner Schden bewusst, die von dieser langen Operation herrhren. Er ist so ein netter Kerl, und mich lsst der Gedanke nicht los, wie dnn der Schleier zwischen diesem und dem nchsten Leben doch ist.“

„Und Christus hat gesagt: Wenn ihr Glauben an mich habt, werdet ihr Macht haben, alles zu tun, was mir ratsam ist.“5

Elder Richard G. Scott hat gesagt: „Sie werden die Frucht des Glaubens ernten, wenn Sie die Prinzipien befolgen, die Gott dazu festgelegt hat.“ Eines dieser Prinzipien ist, „Gott [zu] vertrauen und seiner Bereitschaft zu helfen, so schwierig die Umstnde auch sein mgen“6.

Elder Robert D. Hales hat Zeugnis gegeben: „Joseph Smith [bte] als vierzehnjhriger Junge unerschtterlichen Glauben aus und folgte der Aufforderung des Propheten Jakobus, Gott zu bitten. Weil er als Prophet ausersehen war, erschienen ihm Gott der Vater und sein Sohn Jesus Christus, um ihn zu unterweisen.“7

Prsident Thomas S. Monson hat uns aufgefordert: „Wenn wir mit der Familie und fr uns allein beten, dann wollen wir dies voller Glauben an den Herrn und voller Vertrauen auf ihn tun. Wenn es jemanden unter uns gibt, der den Rat, immer zu beten, bisher missachtet hat, dann ist jetzt die beste Zeit, damit zu beginnen.“8

Es spielt keine Rolle, ob es ein kleiner Junge ist, der eine einfache Bitte hat, oder ein Arzt, bei dessen Aufgabe es um Leben und Tod geht: Der himmlische Vater wird unser demtiges Gebet hren und uns den Trost und die Fhrung geben, um die wir bitten.

Ein dritter Trittstein und ein wesentlicher Bestandteil des Weges, der uns sicher nach Hause zum Vater im Himmel fhrt, ist die Familie.

Prsident Gordon B. Hinckley hat gesagt: „Die Familie ist von Gott eingesetzt. Sie ist vom himmlischen Vater geschaffen worden und ist die heiligste Beziehung berhaupt. Nur durch die Familie lassen sich die Absichten des Herrn verwirklichen.“9

Prsident Hinckley fhrt fort: „Ich glaube an die Familie, wo der Mann seine Frau als seinen gr?ten Schatz betrachtet und sie dementsprechend behandelt, und wo die Frau in ihrem Mann ihren Halt und ihre Strke sieht, ihren Trost und ihre Sicherheit, wo die Kinder voll Achtung und Dankbarkeit auf ihre Eltern blicken, wo die Eltern ihre Kinder als Segen betrachten und in ihrer Erziehung eine erhabene und wunderbare Herausforderung sehen.“10

Ich glaube aufrichtig, dass in der Heiligkeit der Familie unsere gegenseitige Liebe, Loyalitt, Achtung und Untersttzung zu einem heiligen Schild werden kann, der uns vor den feurigen Pfeilen des Teufels bewahrt. Im Kreis der Familie und erfllt mit der Liebe Christi knnen wir Frieden, Glck und Schutz vor der Schlechtigkeit der Welt, die uns umgibt, finden.

Ich bezeuge, dass die Familie die Einheit und das Mittel ist, durch das wir aneinander gesiegelt werden und einmal als Familie in die Gegenwart unserer himmlischen Eltern zurckkehren knnen, um dort ewige Freude und ewiges Glck zu erfahren.

Ich bete aufrichtig darum, dass wir die Trittsteine Gebet, Glaube und Familie nutzen, die uns darauf vorbereiten und uns helfen, zum Vater im Himmel zurckzukehren und ewiges Leben zu erlangen, damit der eigentliche Zweck, weshalb wir auf dieser Erde sind, erfllt wird. Im Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. LuB 112:10
  2. Jakobus 1:5,6
  3. Conference Report, Oktober 1976, Seite 83; Ensign, November 1976, Seite 58
  4. 3 Nephi 18:20
  5. Moroni 7:33
  6. „Der Glaube kann uns in einer unsicheren, schwierigen Zeit Kraft schenken“, Liahona, Mai 2003, Seite 76
  7. „Wie man Glauben an den Herrn Jesus Christus findet“, Liahona, November 2004, Seite 73
  8. Conference Report, April 1964, Seite 130
  9. Teachings of Gordon B. Hinckley, 1997, Seite 206
  10. Teachings of Gordon B. Hinckley, Seite 205