Elder Dallin H. Oaks
vom Kollegium der Zwlf Apostel
Voriges Jahr sind Millionen der Aufforderung des Propheten gefolgt und haben das Buch Mormon gelesen. Millionen haben davon profitiert. Jeder von uns hat fr seinen Gehorsam Segnungen erhalten, und die meisten von uns haben auch ein gr?eres Wissen und Zeugnis vom Herrn Jesus Christus erlangt, von dem dieses Buch Zeugnis ablegt.
Manch weitere Lehre wurde gezogen, aber im Einzelnen hing das vom Leser ab. Was wir einem Buch entnehmen, insbesondere heiligen Schriften, hngt vor allem davon ab, wie wir uns auf das Lesen vorbereiten – wie sehr wir es uns wnschen und bereit sind, zu lernen, und wie gut wir auf das Licht, das vom Geist des Herrn kommt, eingestellt sind.
I.
Als ich diesmal das Buch Mormon gelesen habe, habe ich unter anderem gelernt, wie sehr Gott alle seine Kinder in allen Vlkern liebt. Im ersten Kapitel preist Vater Lehi den Herrn, dessen „Macht und Gte und Barmherzigkeit ber allen Bewohnern der Erde [sind]“ (1 Nephi 1:14). Immer wieder zeigt das Buch Mormon auf, dass das Evangelium Jesu Christi seiner Verhei?ung und seiner Wirkung nach allumfassend ist und fr alle gilt, die je auf Erden lebten. Die folgenden Beispiele zitiere ich direkt aus dem Buch:
„Das Shnopfer [ist] von Grundlegung der Welt an bereitet fr alle Menschen, die jemals waren seit dem Fall Adams oder die jemals sein werden.“ (Mosia 4:7.)
„Und wegen der Erlsung des Menschen, die durch Jesus Christus zustande gekommen ist, werden alle Menschen erlst werden.“ (Mormon 9:13.)
„Er erleidet die Schmerzen aller Menschen, sowohl der Mnner als auch der Frauen und Kinder. Und er erleidet dies, damit die Auferstehung allen Menschen zuteil werde.“ (2 Nephi 9:21,22.)
„Hat er irgendjemandem geboten, nicht an der Errettung durch ihn teilzuhaben? Nein, sondern er gewhrt sie allen Menschen frei, und alle Menschen genie?en diesen Vorzug, der eine so wie der andere, und keinem ist es verwehrt.“ (2 Nephi 26:27,28.)
Wir lesen auch, dass „sein Blut fr die Snden derjenigen [shnt], die gestorben sind, ohne den Willen Gottes in Bezug auf sich zu kennen, oder die unwissentlich gesndigt haben.“ (Mosia 3:11.) Gleicherma?en „shnt das Blut Christi fr [kleine Kinder]“ (Mosia 3:16). Diese Lehre, nmlich dass die Macht des Shnopfers, welche die Auferstehung bewirkt und reinigt, sich auf alle erstreckt, widerspricht der Behauptung, die Gnade Gottes errette nur einige wenige Auserwhlte. Seine Gnade ist hinreichend fr alle. Diese Lehren aus dem Buch Mormon erweitern unser Gesichtsfeld und vertiefen unser Verstndnis von der Liebe Gottes, die sich auf jeden erstreckt, und von der allumfassenden Wirkung, die sein Shnopfer fr alle Menschen berall hat.
II.
Das Buch Mormon lehrt uns, dass der Erretter „alle [Menschenkinder einldt], zu ihm zu kommen und an seiner Gte teilzuhaben; und niemanden [abweist], der zu ihm kommt, schwarz und wei?, geknechtet und frei, mnnlich und weiblich; und der Heiden [gedenkt]; und [dass] vor Gott [alle] gleich [sind], die Juden ebenso wie die Andern.“ (2 Nephi 26:33; siehe auch Alma 5:49.)
„Er ldt sie alle ein.“ „Mnnlich und weiblich“, das verstehen wir. Wir verstehen auch „schwarz und wei?“, das bedeutet alle Hautfarben. Aber was bedeutet „geknechtet und frei?“ Geknechtet – das Gegenteil von frei – bedeutet nicht nur Sklaverei. Es bedeutet, dass man in Knechtschaft ist – also gebunden an etwas, dem man nur schwer entfliehen kann. Geknechtet betrifft auch diejenigen, deren Freiheit durch krperliche oder seelische Leiden eingeschrnkt ist. Geknechtet sind auch Menschen, die nach bestimmten Substanzen oder Praktiken schtig sind. Geknechtet bezieht sich auf Menschen, die Gefangene der Snde sind, die „ringsum umschlossen“ sind von dem, was in einer weiteren Aussage des Buches Mormon „Ketten der Hlle“ genannt wird (Alma 5:7). Geknechtet sind auch Menschen, die durch Sitten oder Bruche, die den Geboten Gottes widersprechen, niedergehalten werden (siehe Matthus 15:3-6; Markus 7:7-9; LuB 74:4-7; 93:39.) Und schlie?lich betrifft geknechtet auch diejenigen, die sich nicht aus den Begrenzungen sonstigen falschen Gedankenguts lsen knnen. Der Prophet Joseph Smith hat gesagt, wir verkndeten, dass die Gefangenen befreit werden mssen.1 Unser Erretter „ldt alle ein, zu ihm zu kommen und an seiner Gte teilzuhaben“, „er weist niemanden ab, der zu ihm kommt“ und „alle sind vor Gott gleich“.
III.
Gott hat seinen Kindern in allen Nationen verhei?en, dass er sich ihnen kundtun wird. Im Buch Mormon hei?t es:
„Er [tut sich] all denen, die an ihn glauben, durch die Macht des Heiligen Geistes [kund], ja, jeder Nation, jedem Geschlecht, jeder Sprache und jedem Volk, und [vollbringt] mchtige Wundertaten, Zeichen und Wunder unter den Menschenkindern , gem? ihrem Glauben.“ (2 Nephi 26:13.)
Beachten Sie, dass diese Kundgebungen des Herrn jeder Nation, jedem Geschlecht, jeder Sprache und jedem Volk verhei?en sind! Heute erleben wir die Erfllung dieser Verhei?ung in jeder Nation, in der unsere Missionare wirken drfen, selbst unter Vlkern, die wir frher nicht mit dem Christentum in Verbindung gebracht haben.
Beispielsweise wissen wir von vielen Fllen, in denen sich der Herr Mnnern und Frauen in Russland kundgetan hat, das ja noch nicht allzu lang von der langen Knechtschaft des gottlosen Kommunismus frei ist. Zwei Russen lasen unabhngig voneinander einen kritischen oder hhnischen Artikel ber die Mormonen und empfingen dabei die deutliche Eingebung, dass sie unseren Versammlungsort ausfindig machen sollten. Beide kamen mit Missionaren in Kontakt und schlossen sich der Kirche an.2
Ein Arzt hatte in einem Dorf in Nigeria einen Traum, in dem er seinen Freund sah, wie er in einer Versammlung eine Rede hielt. Das lie? ihn nicht mehr los, und so besuchte er eines Sonntags seinen Freund zu Hause in seinem Dorf. Zu seiner Verblffung spielte sich dort alles so ab, wie er es getrumt hatte – sein Freund hielt eine Rede, und zwar in einer Gemeinde unserer Kirche. Er war der Bischof. Der Arzt besuchte die Kirche mehrere Male und war von dem, was er hrte, so beeindruckt, dass er und seine Frau sich unterweisen und taufen lie?en. Nach zwei Monaten hatten sich ber 30 weitere Menschen aus seinem Dorf der Kirche angeschlossen, und seine Ambulanz diente als Versammlungsort.
Ich habe einen Mann aus Nordindien kennen gelernt, der noch nie den Namen Jesus Christus gehrt hatte, bis er ihn auf einem Kalender im Geschft eines Schuhmachers sah. Der Geist gab ihm ein, sich einer protestantischen Kirche anzuschlie?en. Als er spter einmal eine entfernte Universittsstadt besuchte, sah er ein Plakat einer amerikanischen Gruppe, die sich „The BYU Young Ambassadors“ (Junge Botschafter der BYU) nannte. Whrend der Vorfhrung sagte ihm eine innere Stimme, er solle anschlie?end in die Empfangshalle gehen, wo ihm ein Mann in einer blauen Jacke sagen werde, was er tun solle. So bekam er ein Buch Mormon, las es und bekehrte sich zum wiederhergestellten Evangelium. Seither hat er als Missionar und als Bischof gedient.
Ein Mdchen in Thailand konnte sich an einen liebevollen Vater im Himmel erinnern. Als es lter wurde, betete es oft im Herzen und beriet sich mit ihm. Als sie Anfang Zwanzig war, traf sie unsere Missionare. Was diese ihr sagten, untermauerte die liebevollen Gefhle fr Gott, an die sie sich aus ihrer Kindheit erinnern konnte. Sie lie? sich taufen und erfllte eine Vollzeitmission in Thailand.
Nur 5 Prozent der Einwohner Kambodschas sind Christen. In diesem Land suchte eine Familie die Wahrheit. Als ihr elfjhriger Sohn mit dem Fahrrad unterwegs war, sah er ein paar Mnner mit wei?em Hemd und Krawatte, die jemandem ein Bild zeigten und fragten, wer das sei. Er hatte das Gefhl, er solle stehen bleiben. Als er sie beobachtete, fhlte er sich gedrngt zu sagen: „Das ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, und er ist gekommen, um die Menschen zu erretten.“ Dann fuhr er weg. Die Missionare mussten einen Monat lang suchen, ehe sie ihn und seine Familie fanden. Heute ist der Vater Ratgeber in der Missionsprsidentschaft.
Letzten Juni besuchte eine fnfkpfige Familie den Tag der offenen Tr in einem neuen Gemeindehaus in der Mongolei. Als der Vater eintrat, „durchstrmte ihn eine gro?e Kraft“, ein Gefhl des Friedens, das er nie zuvor versprt hatte. Ihm kamen die Trnen. Er fragte die Missionare, was es mit diesem wunderschnen Gefhl auf sich habe und wie er es noch einmal verspren knne. Bald darauf lie? sich die ganze Familie taufen.3
Das sind nur einige wenige Beispiele. Es gibt noch tausende weitere.
IV.
Im Buch Mormon hei?t es auch, dass der gro?e Schpfer fr alle Menschen gestorben sei, „auf dass alle Menschen ihm untertan seien“ (2 Nephi 9:5). Dem Erretter untertan zu sein bedeutet, dass wir uns an die Bedingungen, die er vorgegeben hat, halten mssen, wenn wir wollen, dass uns unsere Snden vergeben werden. Dazu gehren auch Glaube, Umkehr und Taufe. Wie gut wir diese Bedingungen erfllen, hngt von unseren Wnschen, Entscheidungen und Handlungen ab. „Er kommt in die Welt, auf dass er alle Menschen errette, wenn sie auf seine Stimme hren werden.“ (2 Nephi 9:21.)
Der Herr bereitet fr alle seine Kinder einen Weg, und er mchte, dass wir alle zu ihm kommen. Der Prophet Moroni bittet uns im letzten Kapitel des Buches Mormon instndig:
„Kommt zu Christus, und werdet in ihm vollkommen, und verzichtet auf alles, was ungttlich ist, und wenn ihr auf alles verzichtet, was ungttlich ist und Gott mit all eurer Macht, ganzem Sinn und aller Kraft liebt, dann ist seine Gnade ausreichend fr euch, damit ihr durch seine Gnade in Christus vollkommen seiet.“ (Moroni 10:32.)
V.
In der Bibel lesen wir, wie Gott einen Bund mit Abraham geschlossen und ihm versprochen hat, dass durch ihn alle „Geschlechter“ oder „Vlker“ der Erde gesegnet sein werden (siehe Genesis 12:3; 22:18). Dieser Bund mit Abraham ffnet den Kindern Gottes berall die Tr zu seinen erlesensten Segungen. Die Bibel lehrt: „Wenn ihr zu Christus gehrt, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verhei?ung.“ (Galater 3:29; siehe auch Abraham 2:10.) Das Buch Mormon verhei?t, dass alle, die die Aufforderung des Herrn, umzukehren und an seinen Sohn zu glauben, annehmen und dementsprechend handeln, das Bundesvolk des Herrn werden (siehe 2 Nephi 30:2). Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir uns weder von Reichtum, Abstammung noch sonst einem Vorzug zu der Annahme verleiten lassen drfen, wir seien „besser als der andere“ (Alma 5:54; siehe auch Jakob 3:9). Ja, das Buch Mormon gebietet: „Ihr sollt nicht ein Fleisch hher schtzen als das andere, noch soll ein Mensch sich hher dnken als der andere.“ (Mosia 23:7.)
In der Bibel hei?t es, dass einige Nachkommen Abrahams zu allen Knigen der Erde gefhrt (siehe Deuteronomium 28:25) und „unter alle Vlker“ verstreut werden sollten, „vom einen Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde“ (Deuteronomium 28:64; siehe auch Vers 37) Das Buch Mormon besttigt dies, darin hei?t es nmlich, die Nachkommen Abrahams wrden „ber das ganze Antlitz der Erde zerstreut werden und auch unter alle Nationen“ (1 Nephi 22:3).
Das Buch Mormon erweitert unser Wissen darber, inwieweit das irdische Wirken des Erretters alle, die zu seiner zerstreuten Herde gehren, erreicht hat. Er hat nicht nur in dem Gebiet gewirkt, das wir heute als Naher Osten bezeichnen. Das Buch Mormon berichtet darber hinaus ber sein Erscheinen und Wirken unter den Nephiten auf dem amerikanischen Kontinent (siehe 3 Nephi 11 bis 28). Er wiederholte dort, dass der Vater ihm geboten hatte, die anderen Schafe zu besuchen, die nicht aus dem Land Jerusalem sind (siehe Johannes 10:16). Er sagte auch, er werde noch andere besuchen, „die [seine] Stimme bisher noch nicht vernommen [hatten]“ (3 Nephi 16:2-3). Wie es Jahrhunderte zuvor prophezeit worden war (siehe 2 Nephi 29:12), sagte der Erretter den Glubigen in Amerika, er werde sich „den verlorenen Stmmen Israels zeigen, denn fr den Vater sind sie nicht verloren, denn er wei?, wohin er sie gebracht hat“ (3 Nephi 17:4).
Das Buch Mormon ist ein gro?artiger Zeuge dafr, dass der Herr alle Menschen liebt, wo sie auch seien. Es erklrt, dass „er sich allen Nationen offenbaren wird“ (1 Nephi 13:42). „Wisst ihr nicht, dass es mehr Nationen als eine gibt?“, sagte der Herr durch den Propheten Nephi.
„Wisst ihr nicht, dass ich, der Herr, euer Gott, alle Menschen erschaffen habe und dass ich derer gedenke, die auf den Inseln des Meeres sind, und dass ich in den Himmeln oben und auf der Erde unten herrsche; und ich bringe mein Wort fr die Menschenkinder hervor, ja, selbst fr alle Nationen der Erde?“ (2 Nephi 29:7.)
Der Prophet Alma sagte etwas hnliches: „Der Herr gewhrt allen Nationen von ihrer eigenen Nation und Sprache, sein Wort zu lehren, ja, in Weisheit, alles das, was er fr richtig hlt, dass sie haben sollen.“ (Alma 29:8.)
VI.
Der Herr tut sich nicht nur allen Nationen kund, er gebietet ihnen auch, seine Worte niederzuschreiben:
„Wisst ihr nicht, dass das Zeugnis zweier Nationen fr euch ein Beweis ist, dass ich Gott bin, dass ich der einen Nation ebenso gedenke wie der anderen? Darum rede ich zu der einen Nation dieselben Worte wie zu der anderen.
Denn ich gebiete allen Menschen, die Worte niederzuschreiben, die ich zu ihnen spreche.
Denn siehe, ich werde zu den Juden sprechen, und sie werden es schreiben; und ich werde auch zu den Nephiten sprechen, und sie werden es schreiben; und ich werde auch zu den anderen Stmmen des Hauses Israel sprechen, die ich hinweggefhrt habe, und sie werden es schreiben; und ich werde auch zu allen Nationen der Erde sprechen, und sie werden es schreiben.“ (2 Nephi 29:8,11,12; siehe auch 1 Nephi 13:38,39.)
Au?erdem geht aus dem Buch Mormon hervor, dass alle diese Gruppen die Schriften der anderen haben werden (siehe 2 Nephi 29:13).
Daraus folgern wir, dass der Herr schlie?lich dafr sorgen wird, dass die inspirierten Lehren, die er seinen Kindern in den verschiedenen Nationen gegeben hat, zum Nutzen aller Menschen hervorgebracht werden. Dazu werden auch Berichte ber den Besuch des auferstandenen Herrn bei denen, die wir die verlorenen Stmme Israels nennen, sowie seine Offenbarungen an alle Kinder Abrahams gehren. Der Fund der Schriftrollen vom Toten Meer zeigt, wie das vor sich gehen kann.
Wir hoffen, dass die neuen Schriften, wenn sie hervorkommen – und laut Prophezeiung wird das so sein –, nicht so abgelehnt werden, wie das teilweise beim Buch Mormon der Fall war, weil es schon eine Bibel gab (siehe 2 Nephi 29:3-10). Wie der Herr durch einen Propheten in diesem Buch gesagt hat: „Und weil ich ein Wort gesprochen habe, braucht ihr nicht zu meinen, dass ich nicht noch ein anderes sprechen knne; denn mein Werk ist noch nicht beendet und wird es auch nicht sein bis zum Ende des Menschen.“ (2 Nephi 29:9.)
Wahrlich, das Evangelium ist fr alle Menschen berall da – fr jede Nation, fr alle Menschen. Alle sind eingeladen.
Wir leben an dem verhei?enen Tag, an dem Rechtschaffenheit aus dem Himmel herabgesendet wird und Wahrheit aus der Erde hervorgeht, um ber die Erde zu „fegen wie eine Flut“ und um die „Auserwhlten von den vier Enden der Erde“ zu sammeln (Mose 7:62). Das Buch Mormon ist hervorgekommen, um uns an die Bndnisse des Herrn zu erinnern, um alle Menschen zu berzeugen, „dass Jesus der Christus ist, der ewige Gott, der sich allen Nationen kundtut“ (Titelseite des Buches Mormon). Ich fge dieses Zeugnis von ihm und seiner Mission an. Im Namen Jesu Christi. Amen.